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Colin McGinn
Das geistige Auge
Von der Macht der Vorstellungskraft
Aus dem Englischen von Klaus Laermann

2007, 224 S., gebunden
Format 14,5 x 22,0 cm


ISBN 978-3-89678-293-9
       EUR 24,90 [D] / sFr 42,30
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Die Vorstellungskraft zeichnet den Menschen aus – ohne sie wäre weder Erinnern noch Planen, noch in die Zukunft denken oder Denken überhaupt möglich. Colin Mc Ginn versucht in diesem Buch einem Phänomen auf die Spur zu kommen, über das wir erstaunlich wenig wissen.

McGinn differenziert klar zwischen Wahrnehmung und Vorstellung, zeigt aber auch, inwiefern Wahrnehmen (oder Sehen mit den Augen des Leibes) und Vorstellen (oder Sehen mit dem geistigen Auge) Ähnlichkeiten aufweisen und sich gegenseitig beeinflussen. Er diskutiert dabei auch die Natur von Träumen und geistigen Krankheiten.

Eine große Rolle spielt die Einbildungskraft auch in der logischen Argumentation, in unseren Überzeugungen. Wir brauchen sie, wenn wir Entscheidungen treffen oder uns vorstellen, was möglich sein könnte. In Gestalt der Phantasie entfaltet die Vorstellung ihre kreative Kraft.
Der Mensch ist ein homo imaginans. Einbildungskraft, so Mc Ginns Diagnose, ist eine sehr viel umfassendere Gegebenheit des menschlichen Geistes, als die neuere Philosophie nahe legt. Sie ist der Schlüssel für unser Überleben.





Zum Autor:
Colin McGinn hat eine Professur für Philosophie an der Rutgers University, USA. Zahlreiche Veröffentlichungen, u. a.: Wie kommt der Geist in die Materie? Das Rätsel des Bewusstseins.

 


Vorwort
Einleitung


Kapitel 1. Vorstellungen und Wahrnehmungen


Kapitel 2. Das geistige Auge


Kapitel 3. Vorstellungsdurchsetztes Sehen


Kapitel 4. Der Raum des Vorstellungsvermögens


Kapitel 5. Die Abbildtheorie von Vorstellungen


Kapitel 6. Was sind Träume?


Kapitel 7. Der Glaube an Träume


Kapitel 8. Wahn


Kapitel 9. Die Einbildungskraft des Kindes


Kapitel 10. Kognitive Einbildungskraft


Kapitel 11. Negation


Kapitel 12. Bedeutung


Kapitel 13. Das Spektrum der Einbildungskraft


Anhang
Anmerkungen
Bibliographie

Vorstellungsbezogene Sinnesempfindungen

Obwohl die Sinne im Schlaf verschlossen sind, kann es, vor allem im Übergang zum Wachbewusstsein, passieren, dass ein Reiz von außen irgendwie registriert wird. Dies geschieht etwa, wenn man in einem Traum den eigenen Wecker für Hochzeitsglocken hält. Der Außenreiz wird in den Traum aufgenommen durch eine Interpretation, die zum Trauminhalt passt. Ich denke, es handelt sich dabei eindeutig um einen Fall von vorstellungsdurchsetztem Hören.

Die Einbildungskraft hat über den Reiz einen ‘Aspekt’ gelegt, der zum einen durch dessen akustischen Charakter erzwungen und zum anderen reine Phantasie ist. Wenn dies stimmt, dann haben wir es hier mit einer Übung der Einbildungskraft während eines gleichzeitig ablaufenden Traums zu tun – also mit einem Fall, bei dem sich Vorstellung und Wahrnehmung verbinden in einem Akt des Hörens-als. Dies spricht für die Vorstellungstheorie des Traums.

Auf die Wahrnehmungstheorie ließe sich dieses Ergebnis nur dann hinbiegen, wenn man annimmt, im Fall des Weckers unterliege der Träumende einer Wahrnehmungs‘täuschung’, die den Standardtäuschungen des Wachbewusstseins vergleichbar wäre. Weil nun solche Täuschungen nicht Übungen der Einbildungskraft, sondern Verzerrungen des Sinnensystems sind, könnte man sagen, es sei nichts explizit Vorstellungsbezogenes an dem eben angeführten Fall. Doch das ist äußerst unplausibel: Die Deutung, die dem Reiz gegeben wurde, ist viel zu kreativ und idiosynkratisch, um bloß einer visuellen Standardtäuschung zu entsprechen – wie etwa der Müller-Lyerschen Täuschung. Und es gibt keine Erklärung für sie auf der Grundlage des sensorischen Funktionszusammenhangs. Sie ist keine Wirkung des Reizes und irgendeiner allgemeinen Eigenschaft des sensorischen Systems. Sie reflektiert vielmehr die hoch abstrakte, aber auch äußerst konkrete Besorgnis im Geist des Träumenden – beispielsweise seine Angst vor einer Eheschließung (oder seine Hoffnung auf die Ehe). Sie ist zu ‘durchlässig’ für die Gedanken und Emotionen des Träumers, um eine bloße Sinnestäuschung zu sein. Auch hier wieder macht sich die Vorstellungstheorie die Ergebnisse besser zu Eigen als die Wahrnehmungstheorie.

(aus: ‹Was sind Träume?›)

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